Forschung . Praxis . Entwicklung
Perspektiven
Vielleicht ist das Gemeinsame meiner Arbeit über die vergangenen Jahrzehnte weniger durch eine bestimmte Methode als durch eine Frage bestimmt worden:
Wie organisiert das Lebendige seine innere Ordnung?
Diese Frage begleitet mich seit meinem Studium der Ethnologie. Zunächst begegnete sie mir in anderen Kulturen in Gestalt von anderen Vorstellungen von Gesundheit, Krankheit und den Beziehungen zwischen Mensch und Welt. Später führte sie mich zur Biologie und Physik, zu Selbstorganisation und offenen Systemen, zu biologischen Rhythmen und Frequenzen – und schließlich zu der Frage, wie lebende Systeme unter ständig wechselnden Bedingungen ihre Funktionsfähigkeit erhalten und immer wieder neu organisieren.
Dabei hat sich mein Blick mehrfach verändert. Das halte ich für eine Voraussetzung ernsthafter Arbeit. Erkenntnis gleicht für mich einem Mosaik, in das mit den Jahren weitere Steine eingefügt werden. Manche passen unmittelbar. Andere verändern die Bedeutung dessen, was bereits vorhanden gewesen ist. Gelegentlich muss nachfolgend ein Teil des bisherigen Bildes neu betrachtet werden.
Die Disziplinen wechseln – das Lebendige nicht
Unsere etablierten Wissenschaften zerlegen Wirklichkeit notwendigerweise in Fachgebiete. Die schlagende Erkenntnis ist diese: Der menschliche Organismus selbst kennt diese Grenzen nicht.
Stoffwechsel, Nervensystem, Psyche, Umwelt, soziale Beziehungen, Licht, Zeit und Rhythmus existieren im lebenden Menschen nicht als voneinander unabhängige Abteilungen. Sie wirken gleichzeitig und aufeinander bezogen.
Deshalb interessiert mich seit Langem weniger, welcher Disziplin ein Phänomen zugeordnet wird, sondern vielmehr die Frage, welche Beziehungen zwischen den Phänomenen bestehen. Diese Leitgedanken haben mein Handeln bis zum heutigen Tag beeinflusst.
Aus der Ethnomedizin führte mein Weg deshalb fast zwangsläufig weiter. Selbstorganisation, Chronobiologie und biophysikalische Regulation eröffneten neue Perspektiven. Klang und Musik wurden zu einem weiteren, in die Anwendung führenden Zugang. Später kamen medizintechnische Frequenzanwendungen, eigene Entwicklungen und umfassendere Regulationsmodelle hinzu.
Die Themen wechselten. Die grundlegende Frage blieb.
Gesundheit ist kein Zustand.Ein lebender Organismus befindet sich niemals in einem statischen Zustand: Körpertemperatur, Herzfrequenz, Blutdruck, Hormonausschüttung, Immunaktivität, Stoffwechsel, neuronale Erregung, Aufmerksamkeit, Schlafbereitschaft und emotionale Reaktionsfähigkeit verändern sich fortwährend. Und genau das müssen sie.
Leben besteht nicht darin, bestimmte Werte möglichst unverändert zu halten. Leben besteht darin, Veränderungen so zu organisieren, dass das Gesamtsystem unter wechselnden Bedingungen funktionsfähig bleibt.
Damit verändert sich auch die Frage nach der Bestimmung von Gesundheit. Nicht nur: Liegt ein Messwert innerhalb eines definierten Bereichs? Sondern auch: Wie flexibel kann der Organismus auf Veränderungen reagieren? Kann er Aktivierung erzeugen, wenn sie benötigt wird – und sie anschließend wieder beenden? Kann er Belastungen kompensieren? Kann er seine Organisation verändern, wenn neue Bedingungen dies verlangen? Und kann er nach einer Störung eine neue tragfähige Ordnung finden?
Gesundheit erscheint aus dieser Perspektive als dynamische Fähigkeit zur Regulation.
Das Lebendige organisiert sich in der Zeit
Damit tritt eine Dimension in den Vordergrund, die leicht unterschätzt wird: Die Zeit. Biologische Prozesse besitzen Rhythmen. Schlaf und Wachheit, Hormonausschüttung, Körpertemperatur, Stoffwechsel, Immunfunktionen und zahlreiche zelluläre Vorgänge zeigen zeitliche Organisation. Der menschliche Organismus ist ein dynamisches System innerhalb der existenziellen Zeit.
Diese Erkenntnis wurde für meine eigene Arbeit früh bedeutsam. Aus der ursprünglich medizinethnologischen Frage, wie unterschiedliche Kulturen Gesundheit und Krankheit verstehen, entstand zunehmend eine zweite:
Welche Organisationsprinzipien gehören unabhängig von kulturellen Erklärungen zum lebenden Prozess selbst?
Ein Organismus muss schließlich nicht nur die richtigen Dinge tun. Er muss sie zur richtigen Zeit, in geeigneter Intensität, in sinnvoller Reihenfolge und für eine angemessene Dauer tun. Eine Stressreaktion ist beispielsweise nicht grundsätzlich schädlich. Sie gehört zur Überlebensfähigkeit eines Organismus. Problematisch kann es werden, wenn das System die Reaktion nicht mehr angemessen beenden kann. Auch eine Entzündung ist zunächst kein Fehler des Organismus. Sie ist Bestandteil von Abwehr und Reparatur. Entscheidend ist wiederum ihre Regulation. Damit wird ein wesentlicher Unterschied sichtbar:
Biologische Funktion und biologische Regulation sind nicht dasselbe.
Funktion beschreibt, was geschieht. Regulation beschreibt darüber hinaus, wann, wie stark, wie lange und in welcher Beziehung zu anderen Prozessen etwas geschieht.
Vom Bestandteil zur Beziehung
Die moderne Medizin ist außerordentlich erfolgreich darin geworden, Bestandteile zu identifizieren und funktional zu beschreiben. Doch ein lebender Organismus ist nicht einfach die Summe seiner funktionalen Bestandteile. Man kann sämtliche Instrumente dieses „Orchesters" katalogisieren und analysieren. Die große Partitur findet man trotzdem in keinem einzelnen Instrument. Das ist mehr als eine Metapher. In komplexen lebenden Systemen entstehen Eigenschaften aus Beziehungen, Rückkopplungen und Wechselwirkungen. Die klassische Trennung zwischen Körper, Psyche und Welt wird dadurch durchlässiger. Nicht weil diese Bereiche identisch wären, sondern weil sie miteinander gekoppelt sind.
Der Mensch reagiert auf Bedeutung
An diesem Punkt schließt sich für mich ein Kreis zurück zur Medizinethnologie. In meiner Abschlussarbeit beschäftigte ich mich mit Baraka im volkstümlichen Islam Marokkos und ausdrücklich auch mit der medizinischen Funktion dieses kulturell und religiös eingebetteten Wirkungsbegriffs. Damals stand die Frage im Vordergrund, wie kulturelle Vorstellungen gesundheitliches Erleben und Handeln prägen. Heute erscheint mir darin noch eine zweite Frage verborgen:
Was geschieht biologisch, wenn etwas für einen Menschen Bedeutung erhält?
Menschen reagieren nicht ausschließlich auf objektiv messbare physikalische Reize. Ein Geräusch kann bedeutungslos sein oder Gefahr signalisieren. Eine Berührung kann Sicherheit vermitteln oder Bedrohung bedeuten. Eine körperliche Empfindung kann beiläufig wahrgenommen oder als Zeichen einer schweren Erkrankung interpretiert werden. Eine soziale Situation kann Zugehörigkeit oder Ausschluss bedeuten. Eine Substanz kann an einem Ort als Medikament identifiziert werden und WIrksamkeit entfalten, während es in einer anderen Kultur unerkannt und wirkungslos bleibt.
Zwischen Umwelt und biologischer Antwort liegt beim Menschen eine Welt aus Erfahrung, Erwartung, Erinnerung, kultureller Prägung und Bedeutung.
Sobald Bedeutung jedoch Herzschlag, Atmung, Muskelspannung, Aufmerksamkeit, Stressreaktionen oder Verhalten verändert, ist sie nicht mehr lediglich ein abstraktes kulturelles Phänomen. Sie wird Teil des Regulationsgeschehens. Damit begegnen sich Medizinethnologie und Regulationsmedizin an einem unerwarteten Punkt.
Klang und Frequenz – Information in der Zeit
Eine weitere Entwicklungslinie begann für mich mit Klang. Mit Klänge des Lebens entstand um die Jahrtausendwende der Versuch, Natur, Rhythmus und Regulation nicht nur theoretisch zu beschreiben, sondern musikalisch erfahrbar zu machen. Später entwickelte sich daraus eine intensivere Beschäftigung mit Frequenzen und alltagstauglichen, später medizintechnischen Anwendungen – über Audio-Balance! bis zu Omega-Energetics. Die dahinterliegende Frage war größer als die einzelne Anwendung:
Wie reagieren lebende Systeme auf zeitlich strukturierte Information?
Frequenz bedeutet nichts Geheimnisvolles. Sie beschreibt Wiederholung innerhalb der Zeit. Zeitstrukturen begegnen uns in der Biologie überall: im Herzschlag, in der Atmung, in Gehirnaktivität und Schlafzyklen, in circadianen Rhythmen, Hormonausschüttung, Bewegung und Kommunikation. Daraus entsteht eine grundsätzliche Frage nach der zeitlichen Organisation lebender Systeme. Die daraus entstandenen und entwickelten Werkzeuge sehe ich nicht als Endpunkte. Ein Werkzeug entsteht aus dem Wissen und den Fragestellungen innerhalb seiner Zeit. Entwickelt sich das Wissen weiter, muss sich auch unser Verständnis des Werkzeugs weiterentwickeln. Dies gilt ebenso für meine Bücher, Ausbildungsinhalte und Beratungskonzepte. Ergebnis: Sie werden über die Zeit immer effektiver.
Gesundes Leben benötigt Variabilität.
Eine Konsequenz dieses Denkens erscheint zunächst paradox: Ein gesundes System ist nicht unbedingt ein besonders gleichmäßiges System. Das Herz schlägt beispielsweise nicht wie ein Metronom. Die zeitlichen Abstände zwischen den Herzschlägen verändern sich. Gerade diese Herzratenvariabilität kann Informationen über die Anpassungsfähigkeit autonomer Regulationsprozesse liefern. Das Prinzip reicht weiter. Ein Organismus muss zwischen Ruhe und Aktivität wechseln können, zwischen Aufmerksamkeit und Loslassen, Aufbau und Abbau, Nahrungsaufnahme und Nahrungspausen, Immunaktivierung und deren Begrenzung. Gesundheit benötigt deshalb nicht maximale Stabilität. Sie benötigt bewegliche Stabilität. Das klingt widersprüchlich, beschreibt aber eine zentrale Eigenschaft lebender Systeme: Sie erhalten ihre Identität, indem sie sich fortwährend verändern.
Das Lebendige bleibt, indem es sich wandelt.
Damit eröffnet sich eine wichtige Perspektive auf Gesundheit und Krankheit. Nicht jede Erkrankung lässt sich sinnvoll als Regulationsstörung beschreiben. Natürlich: Infektionen, Verletzungen, genetische Veränderungen, Vergiftungen, strukturelle Schäden und zahlreiche andere Prozesse benötigen ihre jeweils spezifische diagnostische und therapeutische Betrachtung. Daneben lässt sich jedoch eine andere Frage stellen:
Wie groß ist der Regulationsspielraum dieses Menschen?
Kann sein Organismus flexibel reagieren? Kann er Belastung beantworten und anschließend wieder in Erholung wechseln? Kann er unterschiedliche Anforderungen kompensieren? Oder hat sich sein System zunehmend auf wenige Reaktionsmöglichkeiten verengt? Neben der klassischen medizinischen Frage: „Was ist gestört?“ tritt damit eine zweite:„Welche Anpassungs- und Regulationsfähigkeit ist verloren gegangen?“ Und daraus ergibt sich eine dritte: „Unter welchen Bedingungen kann dieser Regulationsspielraum wieder größer werden?“
Die Bedeutung der Resilienz
Hier beginnt für mich die Verbindung zur Resilienz. Resilienz ist die Fähigkeit zur Neuorganisation. Resilienz wird häufig als Widerstandskraft beschrieben. Das greift zu kurz. Resilienz zeigt sich vielmehr darin, Belastungen aufnehmen, darauf reagieren und anschließend eine tragfähige Organisation erhalten oder neu entwickeln zu können. Damit wird Resilienz zu einem Regulationsbegriff.
Und dieser Begriff gewinnt unter den Bedingungen unserer Gegenwart besondere Bedeutung. Informationsüberflutung, permanente Erreichbarkeit, veränderte Tagesrhythmen, Schlafdefizite, Bewegungsmangel, soziale Unsicherheit und chronische psychische Belastungen erzeugen Bedingungen, auf die unsere Regulationssysteme fortwährend antworten müssen. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht nur: "Wie vermeiden wir Krankheit?" Sondern: "Wie erhalten wir die Fähigkeit des Menschen, auf Veränderung angemessen antworten zu können?"
Resilienz erscheint damit nicht als isoliertes psychologisches Zusatzthema, sondern als Konsequenz aus der Beschäftigung mit lebender Regulation. Aus dieser Entwicklung entstand schließlich Resilenzio.
Der Mensch endet regulatorisch nicht an seiner Haut
An diesem Punkt führt meine Argumentation über den einzelnen Organismus hinaus. Kein Mensch reguliert sich unabhängig von seiner Umwelt. Licht beeinflusst biologische Rhythmen. Temperatur verändert Stoffwechsel und Kreislauf. Nahrung beeinflusst metabolische und mikrobielle Systeme. Mikroorganismen leben mit und in uns. Soziale Beziehungen verändern Erleben und Physiologie. Tag und Nacht strukturieren biologische Prozesse. Unsere technische Umwelt schafft wiederum Bedingungen, auf die der Organismus reagieren muss. Kurzum: Der Mensch ist deshalb kein geschlossenes Objekt. Er ist ein offenes lebendes System, das seine innere Ordnung im fortwährenden Austausch mit seiner Umwelt erhält.
Hier führt meine Arbeit in die GAIA-Medizin.
Sie fragt nach Beziehungen zwischen Organen und Regulationssystemen, nach ihrer Dynamik, nach Wechselwirkungen zwischen Körper, Erleben, Verhalten und sozialem Kontext. Nicht nur nach dem Individuum, sondern nach seiner Einbettung in biologische, ökologische und zeitliche Systeme.
GAIA-Medizin ist für mich eine zeitgemäße Medizinlehre, die von einer Frage geleitet wird: Wie entsteht aus unzähligen gleichzeitig ablaufenden und mit der natürlichen Welt verbundenen Prozessen ein handlungsfähiger, anpassungsfähigerund gesund lebender Organismus?
Eine solche Perspektive kann Erkenntnisse sehr unterschiedlicher Wissenschaftsgebiete aufnehmen, ohne deren Unterschiede einzuebnen. These, Kritik, Überprüfung, Verwerfung und Weiterentwicklung bleiben dabei unverzichtbar.
Die Medizin der Zukunft wird zweifellos noch genauer werden. Wir werden weitere molekulare Mechanismen entdecken, bessere diagnostische Verfahren entwickeln und biologische Prozesse mit einer Präzision beeinflussen können, die heute erst beginnt. Aber vielleicht wird die entscheidende Erweiterung nicht allein aus noch mehr Detailwissen entstehen. Vielleicht müssen wir gleichzeitig lernen, das bereits Bekannte anders miteinander zu verbinden.
Dann verändert sich die Perspektive vom Zustand zum Prozess, vom Einzelwert zur Dynamik, vom Bestandteil zur Beziehung, von der Gleichförmigkeit zur Variabilität, vom isolierten Organismus zum offenen System, von der Reaktion zur Regulation und möglicherweise schließlich von Gesundheit als Zustand zu Gesundheit als fortwährender Fähigkeit des Lebendigen, unter wechselnden Bedingungen eine tragfähige innere Ordnung hervorzubringen. Das ist für mich keine abgeschlossene Antwort. Es ist eine Perspektive.
Eine Einladung zum Austausch
Wenn Sie in Medizin, Therapie, Forschung oder angrenzenden Bereichen an ähnlichen Fragen arbeiten, freue ich mich immer über einen fachlichen Austausch.
